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Nachdenken übers Aufhören

Nachdenken übers Aufhören

Aufhören womit?

In diesem Blog-Artikel lasse ich dich oder euch ein wenig an meinen Gedanken teilhaben, was meine medialen Aktivitäten anbetrifft. In den letzten Monaten und Jahren war ich auf den unterschiedlichsten Plattformen im Internet, hauptsächlich im Bereich Social-Media, verhältnismäßig viel aktiv. Aktiv in dem Sinne, dass ich viel produziert habe: Fotos, Videos, Texte, Audio-Beiträge für meinen Podcast.

Jetzt ist bei mir ein Punkt erreicht, an dem ich mich frage: Warum eigentlich? Will ich das wirklich noch? Wäre es an der Zeit, mit all dem einfach aufzuhören?

Was mir ganz zu Anfang wichtig ist...

Eins vorweg: Wer jetzt die Erwartung hat, dass ich in diesem Blog-Beitrag klar sage, ob ich mich aus Social-Media, Podcast und Co. komplett zurückziehe, wird vielleicht enttäuscht sein. Enttäuscht darüber, dass ich in diesem Beitrag zu gar keinem eindeutigen Ergebnis komme. Das liegt einfach daran, dass ich mir noch nicht sicher bin, ob ich mich denn völlig zurückziehen will. Wenn das schon feststehen würde, dann hätte ich sicherlich eine andere Überschrift gewählt.

Warum betone ich das so gleich am Anfang? Wegen der Klarstellung, denke ich. Ich möchte, dass diejenigen Menschen diesen Beitrag lesen, die an meinen Gedanken interessiert sind. Sich vielleicht sogar in dem einen oder anderen Punkt wiederfinden.
Wem das zu lange dauert oder zu anstrengend ist: Verlass diesen Beitrag bitte gleich wieder. Du wirst damit nichts anfangen können. Meine Art des Denkens, des Schreibens, des Kommunizierens passt nicht zu dir.  Klingt schon sehr überheblich, oder? Ja, mag sein. Ist mir egal.

Das zumindest ist eine Erkenntnis, die ich persönlich aus sozialen Netzwerken gezogen habe: 

Ich möchte die Menschen erreichen, die sich Zeit für die Dinge nehmen, denn um Zeit dreht es sich hauptsächlich. Um Zeit und Erwartungen. Und Oberflächliches hatte ich in der Vergangenheit echt genug.

 

Jetzt aber der Reihe nach.

Ein unperfektes Bild

Ich fange mal mit dem Bild an:

Das Bild, das ich für diesen Blog-Beitrag ausgewählt habe, ist schon einige Wochen alt. Es ist entstanden an einem zunehmend nebligen und regnerischen Tag im Harz. Ich war auf dem Achtermann, dem dritthöchsten Berg in Niedersachsen. Er ist so etwas wie "mein" Hausberg. Ich hab' keine Ahnung, wie oft ich schon hier oben, auf etwa 925 Metern war. Ich kenne den Achtermann zu allen Jahreszeiten, denn er ist gut und schnell erreichbar. Es ist dort oft windiger, als in der Umgebung. Kein Wunder, denn die Kuppe ist natürlicherweise baumfrei. Wenn man hier oben steht, ist es für mich vergleichbar mit dem Gefühl, im Meer zu stehen. Du bist den Einflüssen des Wetters ausgesetzt, und nur wenige Menschen halten sich lang an dieser Stelle auf. Oft ist man allein, wenn man in die Weite blickt.

Eigentlich gefiel mir das Bild erst gar nicht. Es ist unscharf. Es ist verschwommen. Aber je länger ich darauf schaue, desto mehr Gefallen finde ich daran. Denn es zeigt genau die Stimmung an jenem Abend. Entstanden in den letzten halbwegs hellen Minuten dieses Tages. Nicht perfekt, aber eben einzigartig. Ich habe mir dieses Bild oft angeschaut in den letzten Wochen. Komischerweise immer dann, wenn ich ins Zweifeln gekommen bin.

Ins Zweifeln gekommen. Worüber? 

Kennst du das, wenn sich langsam, aber sicher so ganz unterschwellig ein Gefühl manifestiert? Erst ist es nur ein Hauch, ein Anflug. Dann denkst du drüber nach, wirst dir des Gefühls bewusst, setzt dich damit auseinander, und im Laufe der Zeit verfestigt es sich. Es ist wie eine unsichtbare Kompassnadel, die dich in eine bestimmt Richtung lenkt. So geht's mir mit dem Zweifel darüber, was ich in dieser ganzen medialen Welt eigentlich so mache. Diese Blase ist im Laufe der letzten Monate und Jahre so komplex geworden, dass ich hier jetzt selbst mal ein wenig Klarheit schaffen möchte.

Eine wesentliche Erkenntnis aus diesem langen Prozess ist für mich wieder einmal: Wenn man mal hinter die Kulissen schaut, geht es nicht darum perfekt zu sein. Es geht darum, authentisch zu sein. So wie dieses Bild.

Der Stellenwert der Zeit

All' meine medialen Aktivitäten haben in den letzten Jahren permanent aufeinander aufgebaut. Erst Instagram, dann diese Homepage, Blog-Beiträge, der Podcast, Facebook und Youtube - alles folgte aufeinander und wird heute mehr oder weniger parallel von mir bespielt. Ja, das ist viel Aufwand. Ja, das kostet Zeit, Energie, Nerven und macht(e) meistens Spaß.
Von Anfang an habe ich mir eine Sache vorgenommen: Ich mache das so lange und in dem Maß, wie es mir Freude bereitet. Nur so kann ich es auch als Hobby betreiben und Zeit investieren. Guten Gewissens Zeit investieren. Bilder und Botschaften mit Inhalt und Mehrwert in die Welt streuen, darum ging's mir.

Natürlich kam mir schon das eine oder andere Mal der Gedanke, ob das jetzt nicht alles zu viel wird und ich mich besser auf eine Sache konzentrieren sollte. Aber ganz ehrlich: Das war bislang keine Notwendigkeit für mich, denn die Abwechslung zwischen den Medien hat mir Spaß gemacht. Aber es kostet eben Zeit. 

Im letzten Winter war ich dann das erste Mal so richtig an dem Punkt, an dem Social-Media mich nervte. Diese ganze Oberflächlichkeit mochte ich zwar nie, aber ich konnte lange Zeit zumindest noch wohlwollend darüber hinwegsehen. So ist das vielleicht immer, wenn man sich für bestimmte Dinge begeistert: Am Anfang willst du die Nachteile gar nicht erkennen.

Und eine Sache musste ich mir im Laufe der Zeit eingestehen: So ganz nebenbei, schleichend, bin ich Teil eines Systems geworden und hab mich angepasst.

Ich habe mich angepasst, indem ich dachte: “Oh, schon lange nichts mehr gepostet, das müsste ich dringend mal wieder machen!”. Oder: “Was? Die letzte Story ist schon wieder so lang her, das geht ja mal gar nicht!”.

Ganz ehrlich: Diese Erkenntnis war nicht schön. Absoluter Bullshit. Was ist aus meinen Bildern und Botschaften geworden? Standen sie gar nicht mehr an erster Stelle?

Hinzu kam der Frust darüber, was mir so jeden Tag auf Social-Media begegnet ist: Bilder aus der Natur ohne Rücksicht darauf, wie es dem Hauptmotiv, der Natur, eigentlich für die Erstellung des Bildes ergeht. Total schwachsinnige Posts, die aber einen riesigen Anklang finden.

Menschen, die mir “folgen” und mich dann beleidigt fragen, warum ich nicht zurück folge.

Ach, ich könnte diese Liste noch weiterführen. Alles nur Begleiterscheinungen, die mich aber mehr und mehr gestört haben.

Um es kurz zu machen: Diese Phase habe ich Anfang des Jahres 2021 hinter mir gelassen, indem ich deutlich weniger Social-Media “konsumiert” habe. Ich hab versucht, mich wieder auf meine Werte zu konzentrieren. Irgendwie hat das den Spaß an der ganzen Sache zurückgebracht. Mehr noch: Ich hab angefangen, mehr im Bereich Video und Youtube zu machen. Bewegte Bilder und Botschaften. 

Während ich das schreibe, klingt das vielleicht so einfach, aber das war's nicht. 

Vom Zweifel des eigenen Wirkens

Bis zum Effekt, dass meine Aktivitäten auf Social-Media wieder Spaß machen, war es ein recht weiter Weg. Jemand hat sich mal bei mir dafür bedankt, dass ich sehr ehrlich im Umgang mit Instagram und Co. bin. Dann will ich doch gern damit weitermachen:


Wenn man, wie ich, seine Profile in den sozialen Netzwerken nur nur rein privat zum Spaß, sondern neben- oder sogar hauptberuflich betreibt, bekommt die Sache nämlich schnell einen bitteren Beigeschmack: Du achtest auf die Zahl der Likes, Follower, fängst an, deine Reichweite auszuwerten, fragst dich, ob du gut genug in dem bist, was du machst. Du fragst dich, was du denn wirklich bei den Menschen erreichen kannst? Du vergleichst dich mit anderen Profilen (was so ziemlich das Dümmste ist, was du machen kannst). Das kostet unwahrscheinlich viel Energie, wenn man es intensiv betreibt.

 

Wenn ich mir selbst vor Augen führe, dass ich ja all das stets in meiner Freizeit betrieben habe, ist das wahrscheinlich schon ein recht großes Portfolio. Aber ich habe Stück für Stück akzeptiert, dass ich bestimmte Dinge nicht ändern kann. Weder die Plattformen selbst, noch die Menschen, die dort unterwegs sind. Wenn man erst verstanden hat, dass die Menschen, die sich wirklich für deine Sache interessieren, tausendmal wichtiger sind, als irgendwelche Likes oder andere Parameter, ja, dann kann's auch wieder Spaß machen. Das war mein Weg.

Also gut soweit, oder? Grundsätzlich ja.

Dann kam der Sommer...

Aber dann kam der Sommer. Ich denke im Nachhinein nicht, dass es an der Jahreszeit lag. Der Prozess, der dann in mir einsetzte, lag und liegt an einem ganz anderen “Problem” bei mir: Meinem Interesse. Nicht zu wenig, sondern zu viel.

Nein, das ist natürlich kein richtiges Problem, sondern einfach eine Eigenschaft. Ich kann mich unwahrscheinlich schnell für unwahrscheinlich viel interessieren. Das macht auch Spaß, bringt aber den Nachteil mit, dass ich mich leicht verlaufe im Dschungel meines Interesses.

So hab ich viel mehr Zeit für andere Dinge in meinem Alltag interessiert: Für die Geschichte meiner Familie etwa, ich war viel mehr mit dem Fahrrad unterwegs (hin und wieder sogar ohne Kamera). Ich habe die Natur bewusst beobachtet, ohne zu fotografieren. Ich habe Dinge aus Holz erschaffen. Es ist zum Beispiel wahnsinnig erfüllend, wenn man sich für einen kleinen Schrank Schubladen aus Holz baut, an denen man jeden Tag vorbeiläuft. Ganz nebenbei haben meine Fotokurse auch wieder stattgefunden. Ich durfte tolle Menschen kennenlernen und sie für die Naturfotografie begeistern.

 

Aber auch hier ist es gut investierte Zeit. Oder sogar noch besser investierte Zeit?

Was war denn der Effekt aus den ganzen weiteren Aktivitäten? Weniger Engagement in der medialen Welt. Dieses Mal aber nicht aus Frust, sondern weil mir andere Dinge wichtiger waren.

 

Tja, und dann kam wieder eine, eigentlich bekannte, Erkenntnis: Es tut gar nicht weh, weniger online zu sein. Im Gegenteil. Ich habe es phasenweise nicht vermisst. Ich schreibe aus dem Grund “phasenweise”, weil es mich ja nicht ganz loslässt (sonst würde ich diesen Blog-Beitrag wohl nicht schreiben). Außerdem kam mir in den Sinn, ob ich auch weiterhin so viel Persönliches präsentieren möchte. Das war bislang kein Problem für mich, denn das war ja ein Mittel in meinen Botschaften. Mit zunehmendem Abstand wurde mir auch bewusst, dass man in gewisser Weise “angreifbar” wird, wenn man zu viel Persönliches, zu viel Nähe in einer Welt zeigt, auf die jede und jeder zugreifen kann. Das aber nur am Rande.

 

Wie geht's weiter?

Wie geht’s jetzt weiter?

 

Wenn ich ehrlich bin, weiß ich es noch nicht. Weniger aktiv sein? Bestimmte Kanäle gar nicht mehr bespielen? Ganz aufhören? Vielleicht. Manche Entscheidungen brauchen Zeit.

 

Es gibt für mich einen entscheidenden Unterschied zu meinem Frust nach dem Winter 2020/2021:

Wenn ich damals mit den digitalen Aktivitäten aufgehört hätte, wäre es mir wie ein Scheitern vorgekommen. Ich hätte aus der Unzufriedenheit heraus gehandelt. Ich hätte mich geärgert und wahrscheinlich wieder an mir selbst gezweifelt.

 

Sollte ich jetzt damit aufhören, wäre das Loslassen leichter. Es wäre versöhnlicher, weil sich meine Wertigkeiten etwas verschoben haben.

Die Reise ins Digitale bereue ich nicht, und ich denke, die Zeit war interessant und lehrreich für mich. Das klingt schon so nach Abschied, aber das soll es (noch) gar nicht sein.

 

Zwei Dinge gehen mir noch durch den Kopf, an denen ich euch teilhaben lassen will:

 

1. Ich hab mir auf einem Hausflohmarkt neulich zwei alte Objekte gekauft, die ich mit einem Adapter an meine Kamera angeschlossen habe. Von den ersten spontanen Bildern bin ich total begeistert. Darüber würde sich sicherlich ein Beitrag bei Youtube lohnen. Ein wenig Lust hätte ich schon dazu.

 

2. Ich wollte schon immer mal einen Bilderrahmen aus gebrauchten und verwitterten Holzleisten bauen. Ein wenig Lust hätte ich auch dazu. Mal schauen, wohin mich meine innere Kompassnadel als nächstes leitet.

 

Ein wenig unschlüssig, aber ganz und gar nicht frustriert geht's also irgendwie weiter. Ob online oder nicht.

Wie heißt es noch gleich bei Grönemeyer? Bleibt alles anders.

 

In diesem Sinne: Bis irgendwann an dieser Stelle, in den sozialen Netzwerken, im Podcast (da sind sogar noch zwei fast fertige Folgen auf Lager) oder auch gar nicht mehr. Danke für eure Treue bis zu dieser Stelle und vielleicht noch weiter.

 

Thomas

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Kommentare: 4
  • #1

    Sara (Mittwoch, 04 August 2021 19:36)

    Hallo Thomas,
    wieder einmal kann ich mich wunderbar in deinem Text wiedererkennen. So ging es mir auch schon oft. Wenn man nicht aufpasst gerät man in eine Art Sog. Und ich glaube, dass viele nach einer gewissen Zeit an diesen Punkt kommen, wo sie überlegen aufzuhören. Zumindest diejenigen, die wie wir gestrickt sind. Aber es gibt auch Menschen, die ich ohne Social Media (ich meine Instagram, nur dort bin ich aktiv) nicht kennengelernt hätte, die authentische und ehrliche Texte, die von Herzen kommen, schreiben. Und für die bin ich noch dabei! - Viele Grüße, Sara

  • #2

    Thomas (Mittwoch, 04 August 2021 22:33)

    @ Sara:
    Liebe Sara,
    vielen Dank für deine Sichtweise! "...diejenigen, die wie wir gestrickt sind" - das ist sehr schön formuliert. Ja, das ist es wohl, worauf es wirklich ankommt. Viele Grüße!

  • #3

    @filia_camillus (Mittwoch, 04 August 2021 23:01)

    Lieber Thomas,
    als Mineraliensammler war mir der Harz natürlich bereits ein Begriff. Deine Beiträge haben mir Einblicke gewährt welche mir ansonsten verborgen geblieben wären. Danke dafür. Mich freut es auf Instagram nicht nur auf oberflächliche Hochglanzfotos zu stoßen sondern auch auf Beiträge mit Tiefgang. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft. Liebe Grüße Priska

  • #4

    Thomas (Samstag, 07 August 2021 20:31)

    @Priska:
    Vielen Dank, dass du schon so lang meine Beiträge verfolgst. Und es freut mich natürlich besonders, dass dich der "Tiefgang" darin anspricht. Viele Grüße!