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Normalerweise...

...aber was ist schon "normal"?


"Normalerweise mag ich keine kitschigen Bilder", so fängt der Text an, den ich vor einer Stunde unter dieses Bild bei Instagram gepostet habe. Das stimmt auch, wenn man "normalerweise" versteht als "wie üblich". Denn üblicherweise fotografiere ich im Harz (oder der Lüneburger Heide) und fotografiere Menschen, einschließlich mir selbst, eher selten. Außerdem hab ich nicht so ein Faible für kitschige Bilder, und dieses Foto mit der Strandszene am Abend geht nach meinem Empfinden schon schwer in Richtung "Kitsch".

Und überhaupt, das ganze Drumherum ist nicht so meins. Aber trotzdem habe ich an der Szene und diesem Bild irgendwie Gefallen gefunden. Ich glaube, es liegt hauptsächlich daran, dass ich mich selbst nicht gern in eine Schublade packe. Außerdem, was soll das Wort "normal" schon ausdrücken? Hmm, vielleicht mache ich mir auch einfach zu viel Gedanken darum.


Aber der Reihe nach: Wie kam es zu diesem Bild?

Es ist bei mir so, dass ich in regelmäßigen Abständen das Gefühl habe, komplett abschalten zu müssen. Auch wenn das Fotografieren (und alles, was damit zu tun hat) mich entspannt, reicht mir das nicht. Es geht für mich dann um einen kompletten Tapetenwechsel. 
(Ich habe übrigens gerade festgestellt, dass ich mir eine ähnliche Auszeit vor fast genau einem Jahr genommen habe, auch dazu hatte ich schon einen Blogpost geschrieben.)

Kontrast zum Harz: Das Meer. Und tatsächlich lasse ich während dieser Zeiten meistens die Finger von der Kamera. Ich suche mir Beschäftigungen, die mich trotzdem komplett in ihren Bann ziehen; bei denen ich genauso in den Flow komme. Und da gibt es eine Sache, bei der es mir meistens genauso gelingt: Beim Angeln.


 

Beim Angeln gibt es mindestens so viele Facetten, wie beim Fotografieren. Und auch dabei stelle ich fest: Je mehr ich in die Materie eintauche, desto mehr merke ich auch, was ich noch nicht weiß. Es gibt unwahrscheinlich viele Variationen des Angelns, und auch hierbei kann man eine Menge Geld loswerden, wenn man das unbedingt will. Man kann aber auch mit der Grundausstattung auskommen und einfach loslegen. Und eine Sache kann mir der Harz leider nicht bieten: Das Angeln im Meer.

Wenn du am Strand stehst und deinen Köder samt Gewicht in die Brandung schleuderst, ist das nicht mit dem typischen Auswerfen einer Rute zu vergleichen. Du katapultierst das Gewicht hinaus, überbrückst 50, 60 oder noch mehr Meter und triffst hinter die Brandungswellen. Dort kommen Plattfisch und Co. zum Jagen hin und treffen auf deinen Köder. Du merkst es, wenn die Rutenspitze deiner Angel zu zittern beginnt. Der Herzschlag beschleunigt sich dabei automatisch. Dann holst du die Schnur ein, kurbelst mit Bedacht, bis sich in den Wellen nahe am Stand zeigt, was angebissen hat. Das hat was von Ursprünglichkeit. Der Fisch wird spätestens am kommenden Tag auf den Grill gelegt und du denkst auch dabei bewusst darüber nach, was deine Rolle in all' dem ist. Du hast einem Tier nachgestellt, es mit eigenen Händen getötet - dessen sollte man sich stets bewusst sein - und du isst es. Wer sich dafür entscheidet, hat auch eine Verantwortung Tieren gegenüber. Das darf man nicht vergessen.

Ein anderes Beispiel: Du stehst mit der Wathose bis zum Bauch oder noch tiefer im Meer, um dich herum sind Wellen und Weite. Du spürst die Kraft der Natur: Die Wellen drücken gegen dich, salziges Wasser schlägt dir entgegen, die Kälte dringt trotzdem irgendwann in deinen Körper. Die Rute wirfst du immer wieder aus. An manchen Tagen gehst du ohne Beute nach Hause, aber das macht nichts. Es ist das Erlebnis, was zählt. Bei diesem Erlebnis hast du kein Smartphone dabei, viel zu riskant wäre es, wenn du hinfallen solltest. Du stehst einfach im Meer, viele Schritte vom Ufer entfernt. Vielleicht auf einer Sandbank. Auch das ist ein ursprüngliches Gefühl, es ist echt, du bist komplett bei dir.


Es nicht nicht schwer zu merken, ich gerade dabei ins Schwärmen. Das meine ich, wenn ich schreibe, dass ich dabei in den Flow gerate. Es ist dem Fotografieren nicht unähnlich. Sollten beim Fotografieren aber auch Tiere ihr Leben lassen, machst du was falsch.

In jenen Momenten (ob beim Fotografieren oder Angeln) lade ich meine Akkus auf. Ich fiebere diesen Momenten entgegen und gleichzeitig weiß ich, dass mich diese Erlebnisse erden und meine Kreativität ankurbeln.

Und wenn solche Momente hinter dir liegen und du am abendlichen Strand mein erwähntes "Kitsch-"Motiv von oben betrachtest, siehst du es vielleicht mit anderen Augen. Ich jedenfalls. Dann frage ich mich, ob es den Menschen auf dem Bild ähnlich geht, wie mir. Laden sie ihren Akku auf? Genießen sie den Moment?

Und damit komme ich gleich noch zu einer beiläufigen Info: Während ich diesen Text schreibe, trudeln nebenbei ein paar Nachrichten über Instagram ein: Ob ich das auf dem Bild bin? Oder etwas verpackter: "Schönes Bild von dir".
Nein, ich bin es nicht, ich habe fotografiert. :) Und nein, ihr seid nicht zu neugierig. 

Übrigens ist auch das folgende Bild an jenem Abend entstanden, auch das entspricht eigentlich nicht meinem Stil, weder vom Aufbau, noch vom Inhalt. Aber egal, es hat für mich die gleiche Bedeutung: Es zeigt Freiheit und Unbeschwertheit.

Jetzt, wieder zurück im Harz, denke ich darüber nach, was diese Tage bewirkt haben. Ach ja, es läuft immer nach dem gleichen Schema ab: Ich komme runter, sammle Ideen für Projekte rund um meine Nationalpark-Fototouren (die zunächst noch tagelang im meinem Kopf wirr umherwabern und keinen Sinn ergeben), und mit fortlaufender Zeit ordnen sich diese Gedanken und ergeben ein Bild. Bild für Bild ergibt sich ein Plan. Auch auch dieses Mal bin ich voller Ideen zurückgekehrt und ordne gerade, was sich davon umsetzen lässt (bzw. was ich umsetzen will).

Wenn doch alles im Leben so leicht wäre. Aber das klappt nicht in jeder Lebenslage, das ist schon klar.


Bei all' diesen Gedanken fällt mir ein Buch ein, das ich vor vielen Jahren geschenkt bekommen habe und das mich damals schon (noch ohne Fischereischein) in den Bann gezogen hat: "Bin am Meer" von Udo Schroeter. Das ist im Übrigen keine Werbung, weil ich in keiner Form daran beteiligt bin. Es ist einfach eine Empfehlung, und ich würde sagen, auch nicht nur für Männer. Sehr lesenswert, mit vielen Anregungen, von denen es mir, ehrlich gesagt, viel zu selten gelingt, etwas davon in den Alltag zu übernehmen. Immerhin, über meinem Schreibtisch hängt eine Zeichnung mit einem Steinkreis. Lest das Buch ruhig, dann werdet ihr es verstehen. Ich habe es für dieses Foto aus dem Regal genommen und gerade entschieden, dass ich es nochmal lesen möchte. Jetzt liegt es neben meinem Bett.

In diesem Sinne wünsche ich jedem, der auf diesen Text gestoßen ist, viele Momente des Runterkommens, des Akkuladens und Zeit für den Blick über den bekannten Tellerrand. Und jetzt kommt doch noch etwas Werbung, und zwar in eigener Sache: Ich würde mich freuen, wenn ihr mich auch bei Instagram, Youtube oder Facebook besuchen oder mal in meinen Podcast "Draußenfotograf" hineinhören würdet. Und falls ihr Fragen habt: Nur zu - meldet euch einfach.

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