· 

Den Blick lenken...

In den vergangenen beiden Beiträgen ging es um Emotionen in Fotos und um den Bildaufbau mit Hilfe von Gestaltungsregeln. Wie schon erwähnt: Ich selbst betrachte diese Gestaltungsregeln als Hinweise, wie man ein Bild aufbauen kann, aber nicht muss.

Manchmal will man sie bewusst nicht anwenden, z.B. dann, wenn es um Symmetrien geht. Bei Spiegelungen beispielsweise kann es sinnvoll sein, die Spiegelachse in die Bildmitte zu legen (also die Drittelregelung bewusst nicht anzuwenden), weil diese Symmetrie ebenfalls von vielen Menschen als harmonisch wahrgenommen wird. Ich persönlich vergleiche bei Spiegelungen gern automatisch das Spiegelbild mit dem Original. Bei Landschaftsfotos kann so der Blick in das Bild hineinwandern.

Um das "Wandern" des Blickes, also die Bildbetrachtung zu lenken, geht es in diesem Beitrag.


Stilmittel einsetzen

 Auch die Hinweise in meinen vergangenen Beiträgen zählen zu den Stilmitteln, die man in der Fotografie anwenden kann: Drittelregelung oder "Goldener Schnitt" verleihen dem Bild eine andere Wirkung, als eine mittige Platzierung des Objektes. Heute möchte ich mit Hilfe der Stilmittel "Schärfe", "Rahmen" und "führende Linien" etwas zu meinen Bildern schreiben - sozusagen die Entstehungsweise der Bilder beleuchten.


Schärfe - Unschärfe

Ein kleiner Exkurs weg von meinem bisherigen Schwerpunkt, der Landschaftsfotografie. Das obere Bild war eigentlich ein Zufallsprodukt, denn ich hatte es nicht geplant. An diesem kalten Morgen im Dezember hatte nur eine kurze Wanderung mit den Hunden geplant, aber natürlich die Fotoausrüstung mitgenommen (ich bin sowieso dazu übergegangen, die Kamera fast immer dabei zu haben - genau für solche Gelegenheiten). An dem Motiv dieser Stauden war ich fast schon vorbeigegangen, als mein Blick zurück in Richtung aufgehender Sonne fiel. Mit dem weichen Licht und dem Frost auf den Blütenständen ergab sich eine perfekte Szene. 

Ein einfach umzusetzendes Stilmittel, mit dem der Blick des Betrachters gelenkt werden kann, ist das Arbeiten mit Schärfe / Unschärfe. Bestimmte Bereiche im Bild werden scharf gestellt - das muss natürlich nicht der Gegenstand sein, der am dichtesten ist, es kann auch ein Objekt in der Mitte des Bildes sein. Beim oberen Bild habe ich einen Blütenstand in der Mitte gewählt, damit der unscharfe Vorder- und Hintergrund dem Bild eine schöne Tiefe verleiht.

Wie geht man dabei vor? Mache dir zunächst Gedanken darüber, wie unscharf du die Bereiche haben möchtest, die hinter und ggf. vor deinem Motiv liegen. Bei einer hohen Unschärfe wählst du eine möglichst offene Blende. Die Verschlusszeit kann dabei natürlich entsprechend kürzer ausfallen. Eine einfache Regel: Je offener die Blende, desto größer die Unschärfe in den Bereichen, die nicht scharf sein sollen. Fokussiere dann den Punkt, auf den es dir im Bild ankommt. Der Blick des Betrachters wandert zum fokussierten Punkt, lässt ihn aber gleichzeitig etwas von der Umgebung erahnen.
Wenn ich mir während des Fotografierens über die Wahl der Unschärfe noch unschlüssig bin, probiere ich verschiedene Blenden aus und wähle erst in der Nachbearbeitung, welches Bild mir am besten gefällt. 


Führende Linien

Zurück zur Landschaftsfotografie: Ich hatte ja schon geschrieben, dass ich Bilder gern Stück für Stück entdecke. Häufig sieht man zu diesem Zweck "führende Linien" im Bild. Das sind Linien bzw. Strecken, die den Blick ins oder durch das Bild lenken. Ich setze diese Technik gern ein, weil sie oft helfen, die Geschichte des Bildes zu erzählen. Das folgende Bild ist vor ein paar Wochen am Ortsrand von Sankt Andreasberg entstanden.

 

Am linken Bildrand sieht man, dass ich mich an der Drittelregel orientiert habe: Schnee, Wald und Himmel sollten ungefähr gleich große Anteile erhalten. Der Wald besteht durch die Täler im Hintergrund aus verschiedenen Ebenen, die voreinander liegen (auch das ist übrigens ein ganz beliebtes Stilmittel). Diese Ebenen fallen aber zur Bildmitte ab, so dass sie den Blick des Betrachters in die Mitte lenken. Die eigentliche führende Linie ist aber der (kaum zu erkennende Weg mit dem) Zaun, der sich von rechts durch das Bild schlängelt. Folgt man dieser Linie, gelangt man wieder in die Bildmitte. 

Wieder einmal ein Tipp an dieser Stelle: Mir hilft es oft, wenn ich im Alltag meine Augen trainiere: Wo finde ich Linien und/oder Muster? Zäune eignen sich gut zum Üben, denn man prima verschiedene Perspektiven einnehmen und Testbilder machen. Schau dir die Bilder anschließend zu Hause am Rechner an: Gibt es eine Einstellung, die dir besonders gut gefällt? Woran könnte das liegen? Solche Überlegungen haben mir schon oft geholfen.


Rahmen finden

Ein Motiv lässt sich durch natürliche Rahmen recht einfach in Szene setzen, weil der Blick des Betrachters nicht ziellos umherschwirrt, sondern von zwei oder mehreren Seiten aufs Wesentliche gelenkt wird. Beim folgenden Bild wollte ich unbedingt die kleine Fichte mit den verschneiten Ästen fotografieren und hatte zunächst eine andere Perspektive. Von dort sah der Baum aber irgendwie "beliebig" aus, denn er stach nicht zwischen den anderen Bäumen hervor. Ein paar Meter weiter bot sich eine Art Fenster zwischen den Fichten, die dichter am Weg standen. Die Äste von links und dem oberen Bildrand sowie die Bäume am rechten Bildrand führten bei dieser Perspektive dazu, dass die kleine Fichte eingerahmt wurde und so einfach ins Aue springen muss. Um diesen Effekt zu verstärken, habe ich in Lightroom einen Verlauf vom unteren Bildrand eingefügt, bei dem ich die Belichtung verringert habe.Somit wird das Motiv von unten begrenzt.

Bäume, Sträucher, Berge - Rahmen lassen sich genug finden, wenn man einmal darauf achtet.


Fazit: Wie gehe ich vor?

Mit der Schärfe arbeiten und auf Linien im Bild achten, das mache ich oft. Wenn es mir auf Details ankommt, wähle ich meist eine möglichst offene Blende. Bei manchen Fotografen ist das Arbeiten mit der Offenblende und der damit entstehenden Unschärfe etwas verpönt, weil es recht profan ist. Lass dich davon nicht stören, solltest du dazu mal eine negative Rückmeldung bekommen. Ich hab's schon so oft geschrieben: Deine Bilder müssen dir selbst gefallen!

Linien zu erkennen, kann man tatsächlich trainieren, du wirst allerdings auch ohne Training automatisch Übung darin bekommen, diese Strukturen zu erkennen. Ich denke, das ist ganz ähnlich wie bei dem Erkennen von besonderen Lichtsituationen.

Also: Geh raus und mach Bilder - gleich morgen (oder natürlich heute noch)! Bis zum kommenden Sonntag!

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0