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Überlegungen zu "guten" Bildern (Teil 2 von 2)

 

Im Beitrag der letzten Woche habe ich ein wenig zum Thema "Emotionen" bei Fotos geschrieben. Heute möchte ich ein paar Regeln für den Bildaufbau in den Mittelpunkt stellen.

Auch hierfür gilt: Du selbst musst dein Bild gut finden! Wenn es dann noch anderen Menschen gefällt, freut einen das selbst - keine Frage. Zur Bildgestaltung gibt es ein paar Grundregeln, die man umsetzen bzw. beim Fotografieren anwenden kann. Diese Regeln bewirken, dass das Bild insgesamt so harmonisch aufgebaut ist, dass viele Betrachter es als "stimmig" bezeichnen würden. Man "muss" sich an diese Regeln natürlich nicht halten, denn es kommt ganz auf den Einsatzzweck an: Sie zielen auf Harmonie bzw. Blickführung ab. Abgesehen davon, können Bilder auch interessant wirken, wenn diese Regeln bewusst gebrochen werden. Es lohnt sich daher, sich damit zu beschäftigen - allein, um sie zu kennen.

Als Beispiel für die folgenden Regeln habe ich ein Bild gewählt, das ihr nicht so ganz erst solltet. Mir ist in den vergangenen Wochen bei Instagram aufgefallen, dass mir eine bestimmt "Machart" in meiner Galerie fehlt, die man inzwischen häufig antrifft: Rötlich-graue oder auch bläuliche Bilder mit einer Person in einer gelben Jacke. Solch ein Foto habe ich jetzt mal nachgeholt und nutze dieses Moody-(Kitsch)-Motiv jetzt als Erklärungshilfe.


Bildeinteilung

Überlege dir, wie du das Bild einteilen willst, wenn du ein interessantes Motiv fotografieren möchtest. Ich hatte ja neulich geschrieben, dass ich bei diesen Erklärungen gern beim Thema "Landschaft" bleiben möchte. Was soll also alles auf das Bild? Ein erster Tipp: Überfrachte das Bild nicht. Bleib beim Kern der Bildaussage: Was möchtest du mit dem Bild aussagen? Warum ist es so sehenswert? Versuche, das Bild möglichst einfach zu halten: Es müssen nicht viele verschiedene Details oder Elemente (außer eventuell einem interessanten Punkt zusätzlich im Vordergrund) vorhanden sein. 

Jetzt aber konkret zu den Regeln:

 


Drittelregelung

Die Drittelregelung besagt, dass Bilder dadurch interessanter werden, wenn man wichtige Elemente nicht genau in die Mitte des Bildes setzt, sondern an bestimmten Bereichen / Punkten platziert. Sie ist angelehnt an den "Goldenen Schnitt" (quasi als Vereinfachung), den ich weiter unten erkläre.

Für mich ist die Drittelregelung eine Regel, an der ich mich oft orientiere, deshalb habe ich sie hier vorangestellt.

Dazu wird das Bild in neun Rechtecke unterteilt, die durch zwei waagerechte und zwei senkrechte Linien entstehen. Diese Linien können bei vielen Kameras im Sucher oder LiveView angezeigt werden und bieten somit eine Orientierungshilfe.

Wenn man nur die waagerechten Linien betrachtet, könnte man somit bei einem Landschaftsbild den Horizont entweder auf die untere Linie legen (hätte also zwei Drittel Himmel und ein Drittel Erdoberfläche) oder auf die obere (und hätte dann zwei Drittel Erdoberfläche und ein Drittel Himmel). Im unteren Bild habe ich den Waldrand im Hintergrund im Mittel auf die untere Linie gelegt, habe also zwei Drittel Himmel. Nicht wegen des interessanten Himmels, denn Wolken sind ja gar nicht zu sehen, sondern wegen des kräftigen Astes, der schwerpunktmäßig das obere Drittel des Bildes ausfüllt.

Der Baum steht im rechten Drittel schon etwas weit am Rand. Die Person (in diesem Fall ich selbst) steht genau im Schnittpunkt der untersten waagerechten und rechten senkrechten Linie.

Ein Hinweis dazu noch: Der Blick der Person geht nicht gerade nach vorn von der Kamera weg, sondern leicht nach links, also in Richtung der Bildmitte. Sie blickt auf den See mit dem Nebel hinaus. Wenn du Menschen oder Tiere fotografierst, würde ich bei einem Foto immer in Richtung der Blickrichtung etwas mehr Platz im Bild lassen. Der Betrachter möchte wahrscheinlich sehen, in welche Richtung der Blick fällt.


Goldener Schnitt

Der Goldene Schnitt ist keine Erfindung der Fotografie, sondern ein natürliches Phänomen: Eine Proportion, die in der Natur immer wieder auftritt. 

Diese Proportion wird beispielsweise aus einer Strecke gebildet, die einmal geteilt wird. Nicht genau in der Mitte, sondern bei einer Gesamtstrecke von einem Meter genau bei 61,8 cm. Die kürzere Strecke ist demnach 38,2 cm lang. Damit ist das Verhältnis von kürzerer zu längerer Strecke gleich dem Verhältnis von langer Strecke zu Gesamtstrecke. Der größere Teil einer Strecke ist nach dem Goldenen Schnitt demnach jeweils etwa 1,61 mal größer als die kleinere.

Zu kompliziert zum Merken? Muss auch nicht sein, denn letztlich geht es nur um einen harmonischen Eindruck. In der Natur findet sich das beschriebene Verhältnis zum Beispiel beim Körperbau des Menschen, bei Blattanordnungen von Pflanzen usw.. 

Beim unteren Bild habe ich die Linien des Goldenen Schnittes eingeblendet. Die Person steht wieder im Schnittpunkt zweier Linien. Der Bereich links der Person bis zum linken Bildrand ist im Verhältnis 1,61 mal größer als der rechte Bereich. Offensichtlich finden wir Menschen dieses Verhältnis harmonisch, weil wir durch den unbewussten Anblick dieses Verhältnisses im Alltag von Geburt an daran gewöhnt sind.

Für mich hat der Goldene Schnitt beim Fotografieren keine große Bedeutung. Ich weiß, dass es dieses Verhältnis gibt und daher kann ich in der Nachbearbeitung mein Foto daran ausrichten oder zuschneiden. Ansonsten halte ich mich an die Drittelregel, die ich oben beschrieben habe.

 


Fibonacci-Spirale (Goldene Spirale)

Die Entwicklung der Goldenen Spirale geht letztlich zurück auf Leonardo Fibonacci, einem Mathematiker aus dem Mittelalter. Dieser hat eine Zahlenreihe aufgestellt, die in der Weiterentwicklung zum Goldenen Schnitt und letztlich zur Goldenen Spirale führt. Wieder geht es um die oben beschriebenen Proportionen. Das Innere der Spirale zeigt einen möglichen Fokuspunkt. Ein Tipp für alle Lightroom und Photoshop-Nutzer: Wenn ihr das Freistellungswerkzeug aktiviert und einmal in das Bild klickt, wird euch wahrscheinlich ein Raster angezeigt. Dieses Raster könnt ihr durch Drücken der Taste "o" ändern in das Drittelraster, in den Goldenen Schnitt, die Goldene Spirale usw.. Ausprobieren lohnt sich.


Weitere Aspekte eines "guten" Bildes...

Jeder Fotograf entwickelt im Laufe der Zeit so seine Vorlieben bzw. seinen Stil. Trotzdem gibt es natürlich noch weitere Aspekte eines guten Bildes: Ist es in den Bereichen scharf, wo es wichtig ist? Ist die Unschärfe eventuell gewollt? Ist der Horizont gerade (oder ist ein schiefer Horizont ebenfalls gewollt)? Ist das Bild nicht so sehr bearbeitet? Aus welcher Perspektive wurde das Bild aufgenommen? Gibt es ggf. Linien im Bild, die den Betrachter leiten? Dabei sind wir schon bei einem weiteren Schwerpunkt der Bildgestaltung: Wie kann ich den Blick des Betrachters lenken? Darum wird es in der nächsten Woche gehen...


Fazit: Wie gehe ich vor?

Bei der Aufnahme habe ich zumeist die Drittelregel im Kopf bzw. lasse mir von der Kamera das Gitter vorgeben. Wenn ich mir über das Motiv im Klaren bin, suche ich mir eine geeignete Perspektive und damit einen geeigneten Standort. Erst dann baue ich ggf. das Stativ auf. Bei der Wahl des Standortes schaue ich das Motiv aus verschiedenen Blickwinkeln an. Bewährt hat sich auch, wenn noch interessante Bildelemente im Vordergrund sind, aber mehr dazu in der kommenden Woche.

Trotzdem halte ich nicht zwanghaft an den Regeln fest. Wenn ich den Himmel besonders aussagekräftig finde, räume ich ihm auch mal mehr Platz ein. Betrachte die genannten Regeln also als Hilfsmittel. Wie gerade schon erwähnt, geht es in der kommenden Woche um die Blickführung des Betrachters. Da kann man nämlich auch lenkend eingreifen... 

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